Interview: zivile Seenotrettung

Wer bist du:

ich bin Dariush, bin 44 Jahre alt, aus Hamburg und arbeite seit 25 Jahren hier im Hafen und mag Punk Rock Musik.

 Was bedeutet zivile Seenotrettung:

Zivile Seenotrettung bedeutet hauptsächlich erstmal, dass eben Zivilisten, also eben nicht der Staat oder eine Behörde auf´s Meer rausfahren, mit über Spenden finanzierten Schiffen und dem Versuch, Menschenleben zu retten.

Wir haben von Sea-Watch gehört. Was ist Sea-Watch und was für Seenotrettungsorganisationen gibt es noch:

Sea-Watch war die erste deutsche Organisation für zivile Seenotrettung. Die haben 2015 schon angefangen – also vor 8 Jahren. Sie haben mit einem ganz ganz kleinen Schiff angefangen, das waren so zehn Leute, die dafür Spenden gesammelt haben. Und dann sind sie rausgefahren. Inzwischen haben sie schon das fünfte Schiff. Die ersten vier haben sie nicht mehr.  Aber jetzt gerade machen sie ihr fünftes Schiff, was riesengroß ist, fertig. Und sie haben zwei kleine Flugzeuge, mit denen sie Aufklärungsflüge machen. Sea-Watch ist sozusagen der Vorreiter und der bekannteste Verein in Deutschland oder eigentlich in Europa, der Seenotrettung macht. Und es gibt noch sehr viele andere, insgesamt gibt es… ich glaube 15 Vereine, die mit einem oder zwei Schiffen auf dem Mittelmeer unterwegs sind.

Was hast du mit Sea-Watch und Seenotrettung zu tun:

Also ich bin 2016 das erste Mal mit dem Schiff auf´s Mittelmeer gefahren und seitdem jetzt schon acht oder neun Mal. Nicht nur mit Sea-Watch, sondern auch mit anderen Vereinen,  aber eben jetzt die letzten Male immer wieder mit Sea-Watch. Das ist sozusagen mein Hobby und meine politische Aktivität ist Seenotrettung.

Wie hast du dich dabei gefühlt:

Bei so einem Einsatz gibt es eigentlich alles an Gefühlen und alle Gefühle sehr extrem. Weil einerseits ist es sehr, sehr schlimm und traurig, dass die Menschen überhaupt auf diesen Booten und in Lebensgefahr sind. Wenn man die auf den Booten sieht, ist zu sehen, wie schwach sie sind. Diesen Menschen geht es sehr schlecht. Körperlich und psychisch. Das sieht man und erfährt man, wenn man mit denen redet. Andererseits ist es natürlich auch was sehr sehr Schönes. Ich kann da Menschenleben retten und das ist was Gutes. Auch das Gruppengefühl im Team an Bord ist sehr schön.

Wir haben gehört, dass du und andere wegen Seenotrettung angeklagt wurden. Was wird euch denn vorgeworfen und was denkst du dazu:

Also vorgeworfen wird uns Beihilfe zur illegalen Einreise. So heißt der Paragraph und das ist verboten. Ich muss gerade zwei bis drei Mal im Monat nach Italien fliegen zu diesem Prozess. Am Schluss könnte ich 20 Jahre ins Gefängnis gehen, das ist natürlich nicht schön. Ich finde es schlimm, wenn Leute vor Gericht gestellt werden, weil sie einfach anderen Menschen helfen wollten. Egal ob ich es bin oder jemand anders.

Wie alt muss man sein und was muss man können, um bei Sea-Watch oder einer anderen Organisation zur Seenotrettung mitzufahren?

Ich glaube, man muss mindestens 18 Jahre alt sein. Was man können muss, ist sehr unterschiedlich. Natürlich gibt es Leute auf den Schiffen, die haben das gelernt, was sie da machen. Zum Beispiel die, die im Maschinenraum arbeiten oder die, die das Schiff steuern, sind dann offizielle Kapitäne oder Kapitäninnen. Die Leute, die die ärztliche Versorgung von den Geretteten übernehmen sind ausgebildete Medizinerinnen und Mediziner. Es gibt aber auch Leute, sogenannte „Deckhands“, also Helferinnen und Helfer, die den Leuten helfen, wenn sie an Bord kommen oder Essen verteilen. Dafür musst du wenig können, außer ein gutes Herz haben und dir das zu trauen. Das ist nämlich vor allem psychisch schon anstrengend und es kann sehr belastend sein, so was zu machen. Aber sobald sich jemand das zutraut, kann er oder sie mit.

Was machst du genau an Bord?

Das ist auch sehr unterschiedlich. Bei den ersten Missionen war ich auf der Brücke. Z.B. auf der Iuventa. Die war als Sportboot angemeldet und die durfte ich als Kapitän fahren. Bei den letzten Einsätzen war ich auf dem RIB. Das RIB ist ein kleines Schlauchboot, das wir dabei haben. Wenn wir unterwegs sind und so ein Boot mit geflüchteten Menschen sehen, fahren wir da nicht mit dem großen Schiff ran, das ist viel zu gefährlich bei so einem kleinen Boot. Da fahren wir dann mit dem Schlauchboot hin und holen je zehn Menschen pro Zeit, um sie zum Schiff zu bringen. Diese kleinen Schlauchboote bin ich in letzter Zeit immer gefahren.

Werden da zuerst die Frauen und Kinder gerettet?

Ja, wenn es möglich ist, versuchen wir erst die Kinder und deren Mütter vom Boot zu holen. Denn diese Boote sind sehr instabil. Selbst wenn wir an so einem Boot schon dran sind, kann es passieren, dass es kentert, also umkippt. Kinder können natürlich oft schlechter schwimmen als Erwachsene. Dann holen wir die Frauen. Wenn da Verletzte, die schnell medizinisch versorgt werden müssen, an Bord sind, nehmen wir erst die Verletzten.

Kriegen alle Schwimmwesten?

Genau, das ist das erste, was wir machen. Wir fahren mit dem kleinen Boot hin und verteilen als Erstes Rettungswesten. Damit jeder an Bord eine Rettungsweste anhat, falls das Boot kentert oder auch falls jemand ins Wasser fällt.

Was können wir tun, um zu helfen:

 Also ihr macht ja schon was, ihr berichtet ja über uns auf eurem Blog. Das hilft ja schon. Es ist sehr wichtig für uns, dass in Deutschland darüber geredet wird, oder überhaupt in Europa und alle Menschen die z.B. Interviews mit uns führen und uns dadurch mehr Gehör verschaffen, haben schon was getan und ja es ist eigentlich nicht viel. Klar brauchen alle Vereine auch Geld. Aber Aufmerksamkeit ist halt ganz ganz wichtig. Leute können Flyer verteilen oder vielleicht in der Schule dafür sorgen, dass irgendwo Poster von uns hängen oder für Seenotrettung allgemein oder eine Spendendose irgendwo mal beim Schulfest hinstellen oder so etwas. Also eigentlich geht’s ganz schnell, was zu machen. Aber vor allem die Aufmerksamkeit ist wichtig. Falls Leute Social Media Kanäle haben Instagram, Twitter oder sonst was, könnten sie darüber berichten, sich positiv darauf beziehen. Damit ist schon ganz schön viel getan.

Vielen Dank!

LG Mara und Fine

Hinterlasse einen Kommentar